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Fürstin Pallavicini – Vorbild des katholischen Widerstandes

(Roberto de Mattei, Katholisches, 17 juli 2017)

Vor 40 Jahren fand ein historisches Ereignis statt: der Vortrag, den Msgr. Marcel Lefebvre am 6. Juni 1977 zum Thema „Die Kirche nach dem Konzil“ im Palazzo Pallavicini in Rom hielt. Es scheint mir nützlich, dieses Ereignis anhand der Notizen und Dokumente, die ich aufbewahrt habe, in Erinnerung zu rufen. Msgr. Marcel Lefebvre, der Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X.  (1970), war nach den Priesterweihen vom 29. Juni 1976 am 22. Juli desselben Jahres a divinis suspendiert worden.

Unter den aufmerksamen Katholiken gab es allerdings starke Zweifel an der kanonischen Legitimität dieser Maßnahme, und vor allem verstand man nicht die Haltung von Paul VI., der Strafen nur jenen vorzubehalten schien, die ein Bekenntnis ablegten, der Tradition der Kirche treu bleiben zu wollen. In diesem Klima der Orientierungslosigkeit beschloß die Fürstin Elvina Pallavicini (1914 – 2004) 1)  im April 1977, Msgr. Lefebvre in ihren Palast auf dem Quirinal einzuladen, um seine Beweggründe zu hören. Fürstin Pallavicini war damals 63 Jahre alt und seit 1940 Witwe des Fürsten Guglielmo Pallavicini de Bernis 2) , der im Krieg gefallen war. Obwohl sie seit vielen Jahren wegen einer fortschreitenden Lähmung an den Rollstuhl gefesselt war, war sie eine Frau von unzähmbarem Temperament.

Sie war umgeben von einem kleinen Kreis von Freunden und Beratern, darunter der Marchese Roberto Malvezzi Campeggi (1907 – 1979), der zum Zeitpunkt ihrer Auflösung (1970) Oberst der Guardia Nobile, der Päpstlichen Edelgarde war, und der Marchese Luigi Coda Nunziante di San Ferdinando (1930 – 2015), ein ehemaliger Offizier der Italienischen Kriegsmarine. Die Nachricht von diesem Vortrag, die sich im Monat Mai verbreitete, löste zunächst im Vatikan keine Sorge aus.

Paul VI. war der Meinung, daß es nicht schwer sein werde, die Fürstin zu überzeugen, von ihrer Idee abzulassen, und beauftragte damit seinen engen Mitarbeiter „Don Sergio“ Pignedoli (1910 – 1980), den er 1973 zum Kardinal kreiert hatte. Der Purpurträger telefonierte im warmherzigen Ton mit der Fürstin, indem er sich zunächst über ihren Gesundheitszustand erkundigte.

Die Fürstin antwortete mit Ironie: „Ihr Interesse freut mich nach einer so langen Zeit des Schweigens.“ Nach fast einer Stunde der Komplimente kam der Kardinal schließlich auf den Punkt: „Ich weiß, daß Sie Msgr. Lefebvre empfangen: Wird es sich dabei um einen öffentlichen oder eine privaten Vortrag handeln?“ „In meinem Haus kann er nur privat sein“, antwortete die Fürstin. Der Kardinal wagte dann mehr: „Wäre es nicht opportun, ihn zu verschieben? Msgr. Lefebvre hat den Heiligen Vater so sehr leiden lassen, daß ihn diese Initiative mit Schmerz erfüllt …“ Die Antwort von Donna Elvina ließ Kardinal Pignedoli erstarren: „Eminenz, in meinem Haus, so denke ich, kann ich empfangen, wen ich zu empfangenwünsche.“

Angesichts dieses unerwarteten Widerstandes wandte sich der Vatikan an den Fürsten Aspreno II. Colonna (1916 – 1987), der noch ad personam das Amt eines Fürstlichen Thronassistenten des Heiligen Stuhlsausübte. Als das Oberhaupt dieses historischen Adelsgeschlechtes darum bat, empfangen zu werden, ließ ihm die Fürstin mitteilen, beschäftigt zu sein. Fürst Colonna bat um Audienz am nächsten Tag um dieselbe Stunde, doch die Antwort der Fürstin war dieselbe. Während der Fürst den geordneten Rückzug antrat, entschloß sich das vatikanische Staatssekretariat andere Saiten aufzuziehen. Nun war es Msgr.

Andrea Lanza Cordero di Montezemolo, soeben zum Erzbischof geweiht und zum Apostolischen Nuntius für Papua-Neuguinea ernannt, der die Fürstin um Audienz bat. Der Prälat war ein Sohn von Oberst Giuseppe Cordero Lanza di Montezemolo (1901 – 1944), dem Anführer des monarchistischen Widerstandes in Rom, der von den Deutschen in den Fosse Ardeatine erschossen worden war. Während der deutschen Besetzung hatte die junge Fürstin Elvina mit ihm zusammengearbeitet und war dafür mit der Tapferkeitsmedaille in Bronze ausgezeichnet worden.

Auch ich nahm an dem Gespräch teil, doch meine Anwesenheit störte den künftigen Kardinal nicht unerheblich, der vergeblich an seinen Vater erinnerte, um den bevorstehenden Vortrag abzuwenden. Der Nuntius wurde darauf aufmerksam gemacht, daß gerade der Widerstand vieler Offiziere gegen den Nationalsozialismus dazu mahne, daß es manchmal notwendig sei, ungerechten Befehlen von Vorgesetzten nicht Folge zu leisten, um dem eigenen Gewissen folgen zu können.

Das Staatssekretariat spielte nun seine letzte diplomatische Karte aus, indem es sich an den König von Italien, Umberto II., in seinem Exil in Cascais wandte. Der Marchese Falcone Lucifero, Minister des Königlichen Hauses, telefonierte mit der Fürstin und ließ sie wissen, daß der Monarch sie lebhaft bitte, den Vortrag abzusagen. Die Fürstin antwortete jedoch entschlossen: „Es erstaunt mich, daß sich Eure Majestät vom Staatssekretariat einschüchtern lasse nach all dem, was der Vatikan gegen die Monarchie getan hat“. Zugleich bekräftigte sie, daß der Vortrag wie vorgesehen am festgesetzten Tag stattfinden werde. Der Marchese Lucifero, ein Gentleman der alten Schule, ließ der Fürstin daraufhin einen Strauß Rosen zukommen.

Der Vatikan beschloß zu härteren Mitteln zu greifen. In den führenden italienischen Tageszeitungen setzte eine regelrechte Kampagne des Psychoterrors ein, mit der die Fürstin als starrsinnige Aristokratin hingestellt wurde, umgeben von wenigen Nostalgikern einer Welt, die zum Verschwinden verurteilt sei. Privat ließ man Donna Elvina wissen, daß sie exkommuniziert werde, falls der Vortrag stattfinde.

Am 30. Mai stellte die Fürstin mit einer Presseerklärung an die Nachrichtenagentur ANSA klar, daß „ihre Initiative nicht von der Absicht geleitet sei, die kirchliche Autorität herauszufordern, sondern von Liebe und Treue zur Heiligen Kirche und ihrem Lehramt“. In der Erklärung hieß es weiter:

 

„Die Kontraste der Konzilskirche existieren leider unabhängig von der Person von Msgr. Lefebvre und in Italien nicht weniger stark, wenn auch weniger sichtbar, als in der übrigen katholischen Welt. Mit dem Vortrag am 6. Juni soll Msgr. Lefebvre die Möglichkeit geboten werden, direkt und in völliger Freiheit seine Thesen darzulegen mit dem Ziel, damit einen Beitrag zur Klärung der Probleme zu leisten, die die katholische Welt so erschüttern und mit Schmerz erfüllen, und in der Gewißheit, daß der Frieden und die Ruhe nur durch eine wiedergefundene Einheit in der Wahrheit zurückgewonnen werden können.“

Am 31. Mai erschien auf der ersten Seite der Tageszeitung Il Tempo eine Erklärung des Fürsten Aspreno Colonna, in dem zu lesen war, daß „sich das römische Patriziat von der Initiative distanziert“ und als „völlig inopportun“ betrachtet. Die eigentliche Salve wurde jedoch am 5. Juni vom Kardinalvikar von Rom, Ugo Poletti (1914 – 1997) abgefeuert. Mit einer aggressiven Stellungnahme, die im Avvenire, der Tageszeitung der italienischen Bischöfe, erschien, griff Poletti Msgr. Lefebvre und „seine abirrenden Anhänger“ an. Letztere bezeichnete er als „kleine Kreise von Nostalgikern, die Gefangene von überkommenen Traditionen“ seien. Zudem brachte er „Verwunderung, Schmerz und herzliche, aber entschiedene Mißbilligung für die Beleidigung des Glaubens, der katholischen Kirche und Jesus, ihrem Göttlichen Oberhaupt“ zum Ausdruck, da Msgr. Lefebvre „grundlegende Wahrheiten bezüglich der Unfehlbarkeit der auf Petrus und seine Nachfolger gegründeten Kirche in Sachen Doktrin und Moral“ in Zweifel gezogen habe.

Aus dem Hauptquartier der Fürstin kam sofort die Antwort. „Es sei nicht verständlich, wie die private Darlegung von Thesen, die bis vor wenigen Jahren die aller Bischöfe der ganzen Welt waren, so sehr die Sicherheit einer Autorität erschüttern könne, die die Kraft der doktrinellen Kontinuität und die Evidenz ihrer Positionen auf ihrer Seite hat.“ Die Fürstin erklärte zudem:

„Ich bin überzeugte römisch-apostolische Katholikin, weil ich den wahren Sinn der Religion in der Verfeinerung des physischen und moralischen Leidens erkannt habe: Ich schulde niemandem etwas, ich habe keine Ehren und Pfründe zu verteidigen und für all das danke ich Gott. Innerhalb der Grenzen, die mir die Kirche erlaubt, kann ich anderer Meinung sein, sprechen und handeln, muß ich sprechen und handeln, denn es wäre Feigheit, wenn ich es nicht täte. Und es sei mir gestattet, zu sagen, daß es in unserem Haus, auch in dieser Generation, keinen Platz für Feiglinge gibt.“

So kam schließlich der schicksalshafte 6. Juni. Der Vortrag war rigoros 400 Geladenen vorbehalten, die vom Ordnungsdienst, der aus jungen Angehörigen der Alleanza Cattolica (Katholische Allianz) bestand, empfangen wurde. Mehr als tausend Personen füllten jedoch das Treppenhaus und den Garten des historischen Palazzo Pallavicini-Rospigliosi, der für seine Kunstwerke weltweit bekannt ist3). Msgr. Lefebvre wurde von einem jungen Vertreter in Rom, Don Emanuele du Chalard, begleitet. Die Fürstin Pallavicini kam ihm in ihrem Rollstuhl entgegen, der von ihrer Gesellschaftsdame, Donna Elika Del Drago, geschoben wurde.

Fürstin Virginia Ruspoli, Witwe des Fürsten Marescotti Ruspoli, einem der beiden Fürsten-Helden, die 1942 bei der Schlacht von El Alamein gefallen sind, schenkte Msgr. Lefebvre eine Reliquie des heiligen Pius X., die ihr Pius XII. persönlich überreicht hatte. Obwohl das Großpriorat von Rom des Malteserordens die Order ausgegeben hatte, der Veranstaltung fernzubleiben, forderten Fürst Sforza Ruspoli, Graf Fabrizio Sarazani und einige andere mutige Adelige die Disziplinarmaßnahmen dieser Institution heraus und saßen in der ersten Reihe neben Msgr. François Ducaud Bourget (1897 – 1984), der am 27. Februar desselben Jahres in Paris die Besetzung der Kirche Saint-Nicolas du Chardonnet angeführt hatte. Die Fürstin Pallavicini stellte Msgr. Lefebvre vor, der unter einem für ihn bereiteten roten Baldachin mit dem Wappen von Papst Clemens IX. Rospigliosi Platz nahm.

Der Erzbischof sammelte sich zunächst im Gebet, dann sagte er:

„Ich erweise dem Heiligen Stuhl meinen Respekt und ich erweise Rom meinen Respekt. Wenn ich hier bin, dann deshalb, weil ich dieses katholische Rom liebe.“

Das katholische Rom, das ihm lauschte, unterbrach seine Rede immer wieder mit frenetischem Applaus. Der Saal war überfüllt, und die Menge drängte sich in den Vorräumen, im Treppenhaus, in der Eingangshalle und im Garten. Das „Konzil des Aggiornamento“ will in Wirklichkeit eine Neudefinition der Kirche, so Msgr. Lefebvre.

Um „offen“ und in Gemeinschaft mit allen Religionen, allen Ideologien und allen Kulturen sein zu können, müßte die Kirche die eigenen, zu hierarchischen Institutionen ändern und sich in viele nationale Bischofskonferenzen auflösen.

Zu den Sakramenten wird man mehr auf die Initiation und das kollektive Leben beharren als auf die Meidung des Satans und der Sünde. Das Leitmotiv der Veränderung wird die Ökumene sein. Der missionarische Geist wird verschwinden. Es wird das Prinzip verkündet werden: „Jeder Mann ist ein Christ, er weiß es nur nicht“, weshalb er das Heil sucht, egal welche Religion er praktiziert. Die liturgischen und ökumenischen Veränderungen, so Msgr. Lefebvre, dem das Publikum in gespannter Stille lauschte, provozieren das Verschwinden von Ordensberufungen und verwandeln die Priesterseminare in Wüsten. Das Prinzip der „Religionsfreiheit“ klingt beleidigend für die Kirche und für Unseren Herrn Jesus Christus, weil sie nichts anderes ist, als „das Recht zum öffentlichen Bekenntnis einer falschen Religion, ohne von irgendeiner menschlichen Autorität darin gestört zu werden.“

Msgr. Lefebvre sprach dann über das nachkonziliare Entgegenkommen gegenüber dem Kommunismus, indem er an die wiederholten Audienzen erinnerte, die der Heilige Stuhl kommunistischen Führern gewährte; an das Abkommen, den Kommunismus beim Konzil nicht zu verurteilen, und die geringschätzige Behandlung der über 450 Bischöfe, die eine solche Verurteilung gefordert hatten. Stattdessen wurde der Dialog mit dem Kommunismus ermutigt, indem philomarxistische Bischöfe ernannt wurden wie Msgr. Helder Camara in Brasilien, Msgr. Silva Henriques in Chile und Msgr. Mendez Arceo in Mexiko. Es ist eine Tatsache, fügte Msgr. Lefebvre hinzu, daß zahlreiche Dominikaner und viele Jesuiten, die offen Häresien verkünden, nicht verurteilt werden, und gegen Bischöfe, die die Interkommunion praktizieren, die in ihren Diözesen und in ihren Kirchen falsche Religionen einführen und so weit gehen, das Konkubinat zu segnen, wird nicht einmal ermittelt.

Nur die treuen Katholiken riskieren aus den Kirchen verjagt, verfolgt und verurteilt zu werden.

„Ich bin a divinis suspendiert, weil ich fortfahre, Priester auszubilden, wie sie früher ausgebildet wurden.“
Am Ende seines Vortrages sagte Msgr. Lefebvre an das von seinen Worten bewegte Publikum:

„Heute ist es die ernste Pflicht für einen Katholiken, den Glauben zu bewahren. Es ist nicht rechtens, jemandem zu gehorchen, der daran arbeitet, ihn zu schwächen oder auszulöschen. Mit der Taufe haben wir die Kirche um den Glauben gebeten, weil der Glaube uns zum ewigen Leben führt. Wir werden bis zum letzten Atemzug die Kirche um diesen Glauben bitten.“
Die Veranstaltung endete mit einem gesungenen Salve Regina. Der Vatikanist Benny Lai schrieb am 7. Juni in der Tageszeitung La Nazione:

„Jene, die sich einen Volkstribunen erwartet hatten, sahen sich einem Mann mit einer sanften Haltung gegenüber, der aber imstande war, bevor er die Anwesenden aufforderte, das Salve Regina zu beten, folgende Erklärung abzugeben: ‚Ich will keine Gruppe welcher Art auch immer bilden und ich will dem Papst nicht widersprechen, aber er darf nicht von mir verlangen, zum Protestanten zu werden‘.“

Der Vortragsabend wurde zum strategischen Sieg jener, die fälschlicherweise als Traditionalisten bezeichnet werden, weil es Msgr. Marcel Lefebvre gelungen war, ohne kanonische Sanktionen seine Thesen auf internationaler Ebene bekanntzumachen. Paul VI. starb ein Jahr später vor Aufregung über den Tod seines Freundes Aldo Moro4). Der Name von Kardinal Poletti hingegen bleibt mit der obskuren Nulla osta verbunden, mit dem am 10. März 1990 der Beisetzung des Bosses der Banda della Magliana5), ‚Renatino‘ De Pedis, in der Basilika Sant’Apollinare alle Terme Neroniane-Alessandrine bewilligt wurde.

Die Fürstin Pallavicini ging aus der „Herausforderung“ als Siegerin hervor. Sie wurde nicht exkommuniziert. In den folgenden Jahren wurde ihr Palazzo zum Bezugspunkt für viele Kardinäle, Bischöfe und katholische Intellektuelle. Sie und ihre römischen Freunde waren keine „Gespenster der Vergangenheit“, wie sie der Corriere della Sera vom 7. Juni 1977 bezeichnete, sondern Zeugen des katholischen Glaubens, die in die Zukunft blickten. 40 Jahre danach hat ihnen die Geschichte recht gegeben.

 

Fonte: Katholisches

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