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Der heilige Karl Borromäus und die Epidemie seiner Zeit

(Roberto de Mattei, Katholisches, 23 märz 2020)

Der heilige Karl Borromäus (1538–1584), der von 1565 bis 1583 Kardinal der Heiligen Römischen Kirche und Erzbischof von Mailand war, wurde im Heiligsprechungsdekret als ein Mann beschrieben, „der, während die Welt ihn mit den größten Schmeicheleien anlacht, der Welt gekreuzigt lebt, vom Geist lebt, indem er auf die irdischen Dinge mit Füßen tritt und ständig nach den himmlischen Dingen sucht und auf Erden das Leben der Engel in Gedanken und Taten nachahmt“ (Paul V., Bulle  Unigenitus vom 1. November 1610).

Die Hingabe an die Engel begleitete das Leben des heiligen Karl, den Enrique de Guzmán, Graf von Olivares und Botschafter Philipps II. in Rom, „mehr Engel als Mensch“ nannte.[1] Viele Künstler wie Teodoro Vallonio in Palermo und Sebastien Bourdon in Fabriano haben Karl Borromäus in ihren Gemälden dargestellt, während er über einen Engel nachdenkt, der das blutige Schwert in die Scheide steckt, um die Beendigung der schrecklichen Pest von 1576 anzuzeigen.

Alles begann im August jenes Jahres. Mailand feierte die Begrüßung von Don Juan d‘Austria[2], der sich auf der Durchreise nach Flandern befand, da er zum Statthalter der Niederlande ernannt worden war. Die Stadtoberen waren in Aufregung, um dem habsburgischen Prinzen die höchsten Ehren zu erweisen, aber Karl, seit sechs Jahren Erzbischof der Stadt, verfolgte mit Besorgnis die Nachrichten aus Venedig, Trient, Verona und Mantua, wo die Pest begonnen hatte, Opfer zu fordern. Die ersten Fälle in Mailand brachen am 11. August aus, gerade als Don Juan d’Austria Einzug hielt. Der Sieger von Lepanto verließ die Stadt sogleich wieder, gefolgt vom spanischen Statthalter von Mailand, Antonio de Guzmán, Marqués de Ayamonte, während Karl, der sich zur Beerdigung des dortigen Bischofs in Lodi befand, sofort zurückeilte.

In Mailand herrschten Verwirrung und Angst, und der Erzbischof widmete sich ganz der Fürsorge für die Kranken und ordnete öffentliche und private Gebete an. Dom Prosper Guéranger faßt seine unerschöpfliche Wohltätigkeit wie folgt zusammen:

„In Abwesenheit der lokalen Behörden organisierte er das Gesundheitswesen, gründete oder renovierte Krankenhäuser, suchte nach Geld und Vorräten und verfügte vorbeugende Maßnahmen. Vor allem sorgte er für geistliche Hilfe, Hilfe für die Kranken, die Bestattung der Toten, die Verwaltung der Sakramente für die in ihren Häusern eingeschlossenen Bewohner und auch für aufsichtsrechtliche Maßnahmen. Ohne Angst vor Ansteckung bezahlte er persönlich, besuchte Krankenhäuser, leitete die Bußprozessionen und machte alles für alle wie ein Vater und wie ein wahrer Hirte.“[3]

Der heilige Karl war überzeugt, daß die Epidemie „eine vom Himmel gesandte Geißel“ als Strafe für die Sünden des Volkes war, und daß es notwendig war, auf geistliche Mittel zurückzugreifen: Gebet und Buße. Er warf den Zivilbehörden vor, sie vertrauten eher auf menschliche als auf göttliche Mittel.

„Hatten sie nicht alle frommen Versammlungen, alle Prozessionen während der Zeit des Jubeljahres verboten? Er war überzeugt, daß das die Gründe für die Bestrafung waren.“[4]

Die Magistrate, die die Stadt regierten, widersetzten sich weiterhin öffentlichen Zeremonien aus Angst, daß die Ansammlung von Menschen die Ansteckung ausweiten könnte, aber Karl, „der vom göttlichen Geist geleitet wurde, überzeugte sie mit mehreren Beispielen einschließlich dem des heiligen Gregor des Großen, der die Pest gestoppt hatte, die Rom 590 verwüstete“.[5]

Als sich die Pest ausbreitete, ordnete der Erzbischof daher an, am 3., 5. und 6. Oktober drei große Prozessionen in Mailand abzuhalten, „um den Zorn Gottes zu besänftigen“. Am ersten Tag streute der Heilige, obwohl nicht die Große Fastenzeit war, Tausenden von Menschen, die sich versammelt hatten, Asche aufs Haupt und drängte sie zur Buße. Nach der Zeremonie zog die Prozession in die Basilika Sant’Ambrogio. Er selbst stellte sich an die Spitze des Volkes, gekleidet in den violetten Umhang der Fastenzeit, mit einer Kapuze und barfuß. Um den Hals trug er das Seil des Büßers und in der Hand ein großes Kreuz. In der Kirche predigte er über die erste Klage des Propheten Jeremias: „Quomodo sedet sola civitas plena populo“ („Wie einsam sitzt doch jetzt die Stadt, die einst so stark bevölkert war“) und erklärte, daß die Sünden des Volkes die gerechte Empörung Gottes provoziert hätten.

Die zweite vom Kardinal angeführte Prozession führte zur Basilika San Lorenzo Maggiore. In seiner Predigt wandte er den Traum Nebukadnezars auf die Stadt Mailand an, von dem Daniel spricht, „um zu zeigen, daß Gottes Rache über sie gekommen war“[6]. Die Prozession am dritten Tag  führte vom Dom zur Basilika Santa Maria in der Nähe von San Celso. Der heilige Karl trug in seinen Händen die Reliquie des Heiligen Nagels unseres Herrn, die Kaiser Theodosius im vierten Jahrhundert dem heiligen Ambrosius geschenkt hatte, und beendete die Zeremonie mit einer Predigt zum Thema: Peccatum peccavit Jerusalem (Schwer gesündigt hatte Jerusalem, Klagelieder 1,8).

Die Pest zeigte keine Anzeichen einer Abnahme, und Mailand schien wie entvölkert zu sein, da ein Drittel der Bürger ihr Leben verloren hatte und der Rest in Quarantäne war oder es nicht wagte, die Häuser zu verlassen. Der Erzbischof befahl, auf den wichtigsten Plätzen und Kreuzungen rund zwanzig Steinsäulen mit einem Kreuz zu errichten, damit die Bewohner jedes Viertels an Messen und öffentlichen Gebeten teilnehmen konnten, indem sie aus den Fenstern ihrer Häuser schauten. Einer der Beschützer Mailands war der heilige Sebastian, der Märtyrer, den auch die Römer während der Pest des Jahres 672 angerufen hatten. Der heilige Karl schlug den Stadtvätern von Mailand vor, das dem Märtyrer gewidmete Heiligtum, das zur Ruine verfallen war, wiederaufzubauen und zehn Jahre lang ein feierliches Festamt zu seinen Ehren zu feiern. Schließlich hörte die Pest im Juli 1577 auf und im September wurde der Grundstein zur neuen Kirche für den heiligen Sebastian gelegt, in der am 20. Januar eines jeden Jahres noch heute eine Messe zum Gedenken an das Ende der Plage gefeiert wird.

Die Pest von Mailand im Jahr 1576 war die Bestrafung, die für Rom 50 Jahre zuvor der Sacco der Landsknechte gewesen war. Sie war aber auch eine Gelegenheit zur Reinigung und zur Bekehrung. Karl Borromäus sammelte seine Meditationen in einem Memoriale, in dem er unter anderem schrieb:

„Stadt Mailand, deine Größe erhob sich bis in den Himmel, dein Reichtum erstreckte sich bis an die Enden der irdischen Welt. (…) Doch plötzlich kommt vom Himmel die Pest, die die Hand Gottes ist, und mit einem Schlag wurde dein Stolz erniedrigt.“ [7]

Der Heilige war überzeugt, daß alles der großen Barmherzigkeit Gottes zu verdanken war:

„Er verwundete und heilte. Er geißelte und pflegte. Er legte seine Hand auf den Stab der Bestrafung und bot den Stab der Hilfe an“[8]

Der heilige Karl Borromäus starb am 3. November 1584 und ist im Mailänder Dom begraben. Sein Herz wurde feierlich nach Rom in die Basilika Santi Ambrogio e Carlo in der Via del Corso gebracht, die zu seiner Heiligsprechung erbaut wurde, und wo es noch immer verehrt wird. Ihm sind unzählige Kirchen gewidmet, darunter die majestätische Karlskirche in Wien, die im 18. Jahrhundert als Votivakt von Kaiser Karl VI. erbaut wurde, der die Stadt während der Pest von 1713 dem Schutz des Heiligen anvertraut hatte.

Während seiner achtzehnjährigen Regierungszeit im Erzbistum Mailand widmete sich Karl Borromäus ebenso energisch der Bekämpfung der Häresie, die er als Seuche des Geistes betrachtete. Laut dem Heiligen wird „durch keine andere Schuld Gott schwerer beleidigt, von keiner zu größerer Empörung gereizt wie durch das Laster der Häresien, und daß wiederum nichts die Länder und Königreiche mehr ruinieren kann wie diese schreckliche Seuche“[9].

Der heilige Pius X. zitierte diesen Satz und nannte den heiligen Karl Borromäus ein „Modell der Herde und der Hirten in der Neuzeit, unermüdlicher Verfechter und Berater der wahren katholischen Reform gegen die jüngsten Neuerer, deren Absicht nicht die Wiedereingliederung, sondern die Verformung und Zerstörung des Glaubens und der Bräuche ist“ (Enzyklika Edita saepe vom 26. Mai 1910).

 


[1] Giovanni Pietro Giussano: Vita di San Carlo Borromeo (Leben des heiligen Karl Borromäus), Druckerei der Apostolischen Kammer, Rom 1610, S. 441

[2] Johann von Österreich (1547–1578), illegitimer Sohn von Kaiser Karl V. mit der Regensburger Bürgerstochter Barbara Blomberg, Befehlshaber der spanischen Flotte, Statthalter der habsburgischen Niederlande.

[3] Dom Prosper Guéranger: L’anno liturgico – II. Tempo Pasquale e dopo la Pentecoste (Das liturgische Jahr – II. Abschnitt: Osterzeit und nach Pfingsten) Paoline, Alba 1959, S. 1245–1248

[4] Chanoine Charles Sylvain: Histoire de Saint Charles Borromée (Geschichte des heiligen Karl Borromäus), Bd. II, Desclée de Brouwer, Lille 1884, S. 135
Papst Gregor XIII. hatte für 1575 ein Jubeljahr ausgerufen, das 1576 in Mailand gefeiert werden sollte.

[5] Giussano, S. 266

[6] Giussano, S. 267

[7] Karl Borromäus: Memoriale al suo diletto popolo della città e diocesi di Milano (Denkschrift für sein geliebtes Volk der Stadt und der Diözese Mailand), Michele Tini, Rom 1579, S. 28–29

[8] Memoriale, S. 81

[9] Conc. Prov. V, Pars I

Fonte: Katholisches

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