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„Columbus noster est!“

(Roberto de Mattei, Katholisches, 17 juni 2020)

Columbus noster est!“, „Christoph Kolumbus gehört uns“. Diese Worte von Leo XIII. in der Enzyklika Quarto Abeunte Saeculo, die am 16. Juli 1892 anläßlich des 400. Jahrestages der Entdeckung Amerikas veröffentlicht wurde, erreichen uns als fernes Echo in einem Moment, da sich in den Vereinigten Staaten eine ikonoklastische Wut gegen die Gestalt des italienischen Seefahrers entlädt.

Das Unternehmen von Christoph Kolumbus, sagt Leo XIII. in dieser Enzyklika:

„(…) ist an sich das größte und wunderbarste von allen, das jemals in der Ordnung menschlicher Dinge gesehen wurde: Und derjenige, der es zum Abschluß gebracht hat, ist nur mit wenigen vergleichbar, die von so großer Charakterstärke und so noblem Geist waren. Dank ihm entstand eine neue Welt aus dem unerforschten Schoß des Ozeans. Hunderttausende von Geschöpfen traten aus Vergessenheit und Finsternis heraus, um sich in die Menschheitsfamilie einzufügen. Aus der Barbarei wurden sie zu Sanftmut und Zivilisation geführt. Und was unendlich wichtiger ist: Von den Verlorenen, die sie waren, wurden sie zum ewigen Leben wiedergeboren durch die Teilhabe an den Gütern, die Jesus Christus verschaffte. (…) Kolumbus ist unser Mann. So wenig er sich im Hauptzweck widerspiegelt, der dazu führte, das dunkle Meer zu erkunden, und in der Art und Weise, wie es geschah, so wenig besteht ein Zweifel, daß der katholische Glaube den herausragendsten Anteil am Plan und an der Durchführung des Unternehmens hatte – weshalb in Wahrheit die ganze Menschheit eine nicht geringe Pflicht gegenüber der Kirche hat. (…) Es steht fest, daß er folgendes beabsichtigte und intensiv gewollt hat: Dem Evangelium den Weg in neue Länder und über neue Meere zu öffnen. (…) Kolumbus hatte entschlossen das Studium der Natur mit dem Eifer der Frömmigkeit verbunden und besaß einen Geist und ein Herz, die tiefgreifend nach den Grundsätzen des katholischen Glaubens geformt waren. Er war durch astronomische Argumente und alte Traditionen überzeugt, daß sich im Westen, jenseits der bekannten Welt, große Landflächen erstrecken mußten, die noch nicht erforscht waren. Er stellte sich zahlreiche Völker vor, die von bedauernswerter Dunkelheit umhüllt und in wahnwitzigen Zeremonien und götzendienerischem Aberglauben verirrt waren. Er hielt es für äußerst bemitleidenswert, daß man nach wilden Bräuchen und grausamen Sitten leben konnte, ja, schlimmer noch, daß die wichtigsten Dinge nicht kannten und nichts von der Existenz des wahren Gottes wußten. Daher machte er sich, erfüllt von solchen Gedanken, zum Ziel, mehr als alles andere, im Westen den christlichen Namen und die Wohltaten der christlichen Nächstenliebe auszubreiten, wie aus der gesamten Entdeckungsgeschichte offensichtlich wird.“

Christoph Kolumbus gehört daher zur Kirche, und jede gegen ihn begangene Beleidigung ist gegen die Kirche gerichtet, die die Pflicht hat, sein Andenken zu verteidigen. Dieser Geist belebte Graf Antoine-François-Félix Roselly de Lorgues (1805–1898), der sein Leben der Förderung der Heiligsprechung von Christoph Kolumbus widmete. 1856, von Pius IX. ermutigt, veröffentlichte Roselly de Lorgues in Paris ein zweibändiges Werk mit dem Titel Cristophe Colomb. Histoire de sa vie et de ses voyages; d’après des documents authentiques tirés d’Espagne et d’Italie (Christoph Kolumbus. Geschichte seines Lebens und seiner Reisen dargestellt anhand authentischer Dokumente aus Spanien und Italien), das einen weltweiten Erfolg erlebte. Darin stellte Roselly de Lorgues zum ersten Mal die These auf, den „Admiral des Ozeans“ zu kanonisieren. In einem späteren Werk schreibt er: Er war „der Botschafter Gottes zu unbekannten Völkern, die die alte Welt nicht kannte“ und „der natürliche Legat des Heiligen Stuhls in diesen neuen Regionen“ (Della vita di Cristoforo Colombo e delle ragioni per chiederne la beatificazione, ital. Ausgabe, Ranieri Guasti, Prato 1876, S. 83)[1].

Auf die Studien des französischen Grafen gehen die zahlreichen Bitten für die Eröffnung des Heiligsprechungsverfahrens für Kolumbus zurück, von denen jene von Kardinal Ferdinand Donnet, Erzbischof von Bordeaux, vom 2. Juli 1866 und von Msgr. Andrea Charvaz, Erzbischof von Genua, vom 8. Mai 1867 erwähnt seien. 1870 richtete eine Gruppe von Konzilsvätern des Ersten Vatikanischen Konzils eine weitere Petition an Pius IX. Die Unterbrechung der Konzilsarbeiten und der Tod von Pius IX. stoppten jedoch die Initiative.

1878 interpretierte Erzbischof Rocco Cocchia, Vikar und apostolischer Delegat in Santo Domingo, Haiti und Venezuela, die Auffindung der sterblichen Überreste von Kolumbus in der Kathedrale von Santo Domingo als Zeichen und nannte den Admiral einen Mann, der von der Vorsehung zum größten Werk der Neuzeit berufen wurde. Der Erzbischof erinnerte daran, daß die große, ursprüngliche Idee von Kolumbus ein Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Grabes war, und daß er immer als „Mann von tiefer Frömmigkeit und Religion“ gesehen wurde, der sich mit Glauben und Heldenmut vielen Leiden und Verfolgungen stellte, so sehr, daß die beiden Pole seiner Existenz „der Schmerz und die Gnade“ waren.

Der Antrag auf Heiligsprechung zum 31. Januar 1893 wurde von 904 Prälaten unterstützt. Neben 264 italienischen Bischöfen, 96 französischen, 64 spanischen, 27 aus den Vereinigten Staaten von Amerika, 19 aus Mexiko, 7 aus Portugal waren es noch viele andere Bischöfe und Erzbischöfe aus aller Welt, darunter 42 Kardinäle. Ein italienischer Gelehrter, Alfonso Marini Dettina, widmete diesem Thema eine gründliche Studie, auf die ich für die eingehendere Beschäftigung mit dem Thema verweisen möchte (Suppliche per la canonizzazione di Cristoforo Colombo, in: C.E.S.C.O.M, Atti del II Congresso Colombiano, Turin 2006, S. 659–672)[2].

Es gibt solche, die glauben, daß es im Leben von Kolumbus dunkle Punkte gibt wie eine illegitime zweite Ehe. 1938 veröffentlichte Pater Francesco Maria Paolini, Generalpostulator des Franziskanerordens, jedoch ein Buch mit dem Titel Cristoforo Colombo nella sua vita morale (Christoph Kolumbus in seinem moralischen Leben), in dem er zwölf Argumente darlegte, um die Rechtmäßigkeit der zweiten Ehe von Kolumbus mit Beatrice Enriquez aus Cordoba zu beweisen. Kardinal Eugenio Pacelli, damals vatikanischer Staatssekretär, teilte dem Autor mit Schreiben vom 9. September 1938 die Freude von Pius XI. über dieses Werk mit, „das prächtige Lichtstrahlen auf die Gestalt des Entdeckers der neuen Welt wirft, die ebenso großartig und mächtig in der Kirchengeschichte leuchtet wie in der zivilen Geschichte“.

Ein neuer Antrag auf Seligsprechung von Kolumbus wurde 1941 von einigen amerikanischen Bischöfen an Pius XII. gestellt. Alle Bitten um die Heiligsprechung des Admirals ersuchten den Papst, vom ordentlichen Verfahren zu dispensieren angesichts der außergewöhnlichen Natur dieses Menschen, des Siegels, das seinem Werk von der Vorsehung gegeben wurde, und der außergewöhnlichen Behandlung, die Kolumbus zu Lebzeiten vom Heiligen Stuhl zu Teil wurde. Doch weder Pius XII. noch der Franziskanerorden betrieben das Seligsprechungsverfahren weiter, und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil setzte sogar innerhalb der katholischen Welt eine Kampagne der Verunglimpfung ein, die 1992 anläßlich des 500. Jahrestages der Entdeckung Amerikas ihren Höhepunkt erreichte, als Kolumbus als gieriger, blutrünstiger und kolonialistischer Eroberer dargestellt wurde.

Seither sind dreißig Jahre vergangen und die ökologistische und indigenistische Ultralinke führt in den USA gewalttätige Demonstrationen an, bei denen die Statuen von Christoph Kolumbus umgestürzt, geköpft, beschmiert und entfernt werden. In den vergangenen Jahren haben viele Staaten der USA beschlossen, den Columbus Day, an dem am 12. Oktober die Ankunft des italienischen Seefahrers in Amerika gefeiert wird, in einen Tag der Ureinwohner Amerikas umzuwandeln. Und Papst Franziskus, anstatt den Ausruf „Kolumbus gehört der Kirche“ zu wiederholen, hebt die „indigenistischen“ Bewegungen in die Höhe, die Kolumbus beschuldigen, eine Ära des Völkermords und der Sklaverei für die amerikanischen Völker eingeleitet zu haben.

Christoph Kolumbus und die Konquistadoren wurden wegen des demographischen Zusammenbruchs des Völkermords bezichtigt, der diese Bevölkerungsgruppen seit dem 16. Jahrhundert traf. Wie der Historiker Marco Tangheroni (1946–2004) jedoch anschaulich aufzeigte, kann von Völkermord nur gesprochen werden, wenn es den konkreten Willen gibt, ein Volk zu vernichten, wie es für die Kulaken in Sowjetrußland, für die Juden in Nazideutschland, die Armenier im Osmanischen Reich oder noch früher, während der französischen Revolution, für die Bewohner der Vendée der Fall war. Was die amerikanische Urbevölkerung betrifft, war die demographische Katastrophe auf den biologischen Schock zurückzuführen, der durch einige Infektionskrankheiten ausgelöst wurde, die von den Europäern ohne jede Absicht eingeschleppt wurden, aber mit Sicherheit nicht auf einen Willen zur Vernichtung (Cristianità, Modernità, Rivoluzione, Sugarco, Mailand 2009, S. 125–126)[3]. In den Berichten und Aufzeichnungen der spanischen Ärzte, die nach Amerika gingen, lesen wir im Gegenteil die Schilderung ihrer Überraschung und Ohnmacht angesichts der Epidemien, die unter den Eingeborenen in einer neuen und absolut unbekannten Form auftraten. Im 16. Jahrhundert, genausowenig wie heute, wurde die Epidemie nicht als biologische Waffe zur Zerstörung eingeborener Völker eingesetzt, und Christoph Kolumbus ist kein Symbol für Ungerechtigkeit, sondern der Urheber und Protagonist einer Leistung, die Francisco Lopez de Gomara in seiner Historia General de las Indias (1552) als „das Größte nach der Erschaffung der Welt und der Inkarnation und dem Tod desjenigen, der sie erschaffen hat“, bezeichnete (Edizione Biblioteca Ayacucho, Caracas 1979, S. 7).

Fonte: Katholisches

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