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Die unbeantwortete Kritik an Amoris laetitia – fünf Jahre später

(Roberto de Mattei, Katholisches, 29 mai 2021)

Vor fünf Jahren, am 8. April 2016, wurde das nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris laetitia veröffentlicht, das umstrittenste Dokument des Pontifikats von Papst Franziskus. Dieses Dokument ist das Ergebnis eines Prozesses, der mit der Rede von Kardinal Walter Kasper im Konsistorium vom Februar 2014 eingeleitet wurde. Die These von Kardinal Kasper, wonach die Kirche ihre Ehepraxis erneuern sollte, war das Leitmotiv der beiden Synoden über die Familie von 2014 und 2015. Leider erwies sich das Schreiben Amoris laetitia als noch schlimmer als die Rede von Kardinal Kasper. Der deutsche Kardinal hatte einige Fragen gestellt, Amoris laetitia aber die Antwort dazu gegeben, indem es die Tür für die wiederverheirateten Geschiedenen öffnete und implizit das Zusammenleben more uxorio [außerehelich] autorisierte. Das veranlaßte den Philosophen Josef Seifert 2017 festzustellen, daß Amoris laetitia „die logische Konsequenz hat, die gesamte Lehre der katholischen Moral zu zerstören“.

Mehr noch als Amoris laetitia sind die unzähligen Kritiken an diesem Dokument in die Geschichte eingegangen, die in Büchern, Artikeln und Interviews geübt wurden. Darunter stechen insbesondere zwei Initiativen hervor. Die erste sind die Dubia [Zweifel], die am 19. September 2016 dem Papst und der Glaubenskongregation von den Kardinälen Walter Brandmüller, Raymond Burke, Carlo Caffarra und Joachim Meisner vorgelegt wurden. Die zweite ist die Correctio filialis de haeresibus propagatis, die am 11. August 2017 von über 60 katholischen Gelehrten und Hirten der Kirche an Papst Franziskus gerichtet wurde und deren Kreis der Unterzeichner einen Monat nach der Veröffentlichung auf 216 Theologen, Professoren und Gelehrten aller Nationalitäten angewachsen war.

Sowohl die Dubia als auch die Correctio filialis haben ein weltweites Echo gefunden, aber keines dieser Dokumente hat eine Antwort erhalten, obwohl die vier Autoren der Dubia, von denen zwei (Caffarra und Meisner) inzwischen verstorben sind, Papst Franziskus am 25. April 2017 um eine Audienz gebeten haben. Die Weigerung des Nachfolgers des Petrus, jene zu empfangen, die als Kardinäle seine Berater sind, erscheint unerklärlich, zumal Franziskus aus dem „Willkommen heißen“ das Markenzeichen seines Pontifikats machte, indem er in einer seiner ersten Predigten (25. Mai 2013) sagte, daß „Christen, die fragen, niemals verschlossene Türen finden dürfen“. Dafür antwortete Kardinal Luis Ladaria, Präfekt der Glaubenskongregation, am 15. März 2021 auf ein Dubium, ob die Kirche die Vollmacht hat, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen, daß „die Segnung von Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts […] unerlaubt“ ist, da es „keinerlei Fundament dafür [gibt], zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“. Diese Erklärung, die die katholische Lehre bekräftigte, löste insbesondere in Deutschland eine Explosion des Widerspruchs aus. Das Schweigen zu den von Dubia und Correctio filialis aufgeworfenen Fragen hat stattdessen in der traditionellen katholischen Welt große Empörung ausgelöst.

Diese widersprüchliche Regierungspraxis könnte die Kirche zu einem ernsthaften Schisma oder vielmehr zu einem Prozeß der religiösen Fragmentierung führen, der katastrophale Folgen haben könnte. Die Hauptverantwortung für diese Situation liegt beim obersten Hirten, nicht bei der verwirrten Herde. Die irregeführten Schafe werden immer mehr werden, solange Rom seiner Stimme nicht klar und eindeutig Gehör verschafft.

In dieser Situation der Verwirrung kommt die Veröffentlichung von zwei ernstzunehmenden und gut dokumentierten Büchern, die uns ein besorgniserregendes Bild der gegenwärtigen religiösen Tragödie bieten, zum richtigen Zeitpunkt.

Das erste Buch, das von Voice of the Family zusammengestellt wurde, ist als E‑Book erschienen und trägt den Titel „The unanswered concerns about Amoris Laetitia. Why the Apostolic Exhortation Remains a Danger to Souls“ („Die unbeantworteten Bedenken zu Amoris laetitia. Warum das Apostolische Schreiben eine Gefahr für die Seelen bleibt“). Vertreter von Voice of the Family waren sowohl bei der außerordentlichen Synode im Oktober 2014 als auch bei der ordentlichen Synode im Oktober 2015 in Rom anwesend.

Die Organisation erstellte eingehende Analysen der wichtigsten Synodendokumente aus der Sicht derer, die das Leben und die Familie verteidigen, und verteilte sie an Kardinäle und Bischöfe auf der ganzen Welt. Tatsächlich gibt es, wie wir in der Einleitung des Buches lesen:

„(…) Aussagen in Amoris Laetitia, die der maßgeblichen Lehre der katholischen Kirche direkt widersprechen, und es gibt weitere Aussagen, die sie untergraben, ohne ihr zu widersprechen.“

Das zweite Buch, herausgegeben von den Professoren John R. T. Lamont und Claudio Pierantoni, trägt den Titel „Defending the Faith Against Present Heresies“ („Den Glauben gegen gegenwärtige Häresien verteidigen“) und enthält ein Vorwort von Erzbischof Carlo Maria Viganò. Beide Werke enthalten die Texte der Dubia und der Correctio filialis. Das Buch Voice of the Family enthält auch die Theological Censures against Amoris Laetitia by Forty-five Theologians (Theologische Kritik an Amoris laetitia durch 45 Theologen) und die Declaration of the Truths Relating to Some of the Most Common Errors in the Life of the Church of Our Time (Erklärung der Wahrheiten in bezug auf einige der häufigsten Irrtümer im Leben der Kirche unserer Zeit) vom Mai 2019. Das Buch Lamont und Pierantoni enthält zudem den Open Letter to the Bishops of the Catholic Church; An Appeal to the Cardinals of the Catholic Church (Offener Brief an die Bischöfe der katholischen Kirche) und den Protest Contra Recentia Sacrilegia (Gegen jüngste Sakrilege). John Lamont ruft in seiner Einleitung in Erinnerung, wie diese Dokumente entstanden sind, zu denen das Buch die Beiträge von Anna M. Silvas, P. John Hunwicke, Claudio Pierantoni, Claire Chretien, Roberto de Mattei, Robert Fastiggi und Dawn Eden Goldstein, Joseph Shaw, Michael Sirilla, Edward Peters, Edward Feser, Brian Harrison, John Rist, Peter A. Kwasniewski, Maike Hickson, Thomas G. Weinandy OFM Cap., Pauper Peregrinus und Lamont selbst hinzufügt.

Diese Texte erneut zu lesen ist sehr aufschlußreich sowohl in formeller als auch inhaltlicher Hinsicht. In den vergangenen Jahren ist die theologische Substanz der Probleme verlorengegangen und die Sprache ist oft grob und aggressiv geworden. Die beiden Dokumentensammlungen, die wir vorstellen, helfen uns hingegen zu verstehen, wie man als Katholiken in der Kirche miteinander spricht. Es ist bedauerlich, feststellen zu müssen, daß diese theologische Substanz und dieser ausgewogene Stil in den Kontroversen um die Impfung gegen Covid-19 verlorengegangen sind. In der Debatte zu diesem Thema wurde einigen Kritikern von Amoris laetitia fehlende Kohärenz vorgeworfen, weil sie die Erklärungen der Glaubenskongregation zu Impfstoffen von 2008 und 2015 akzeptiert haben. Die Antwort auf diesen Einwand ist einfach. Die Unterzeichner der Correctio filialis haben niemals die Autorität des Papstes oder der Kongregation für die Glaubenslehre kritisiert, weil die Kirche eine hierarchische Gesellschaft ist, die nicht ohne eine höchste Autorität auskommen kann. Sie haben ein von der höchsten Autorität verkündetes Dokument kritisiert, weil sie feststellen mußten, daß es im Widerspruch zum vorherigen Lehramt der Kirche steht. Wenn es um die theologischen und moralischen Wahrheiten geht, ist die Letztinstanz das Gewissen, das aber einer außenstehenden objektiven Norm bedarf, auf die es sich stützen kann. Dieses externe Gesetz wird von der Kirche mit ihrem Lehramt vorgeschlagen, das in diesem Sinne die unmittelbare Norm unseres Glaubens ist. Wenn diese Norm zweideutig oder mehrdeutig ausgedrückt wird und auf der Ebene der Praxis implizit eine Glaubenswahrheit leugnet, die beispielsweise den Ehebund betrifft, haben die Katholiken die Pflicht, daran zu erinnern, daß die Lehre von der sakramentalen Ehe von keiner kirchlichen Autorität geändert werden kann, auch nicht vom Papst. Wer Amoris laetitia kritisiert, nimmt nicht sein eigenes Gewissen zum Referenzpunkt, sondern das beständige Lehramt der Kirche.

Am Vorabend möglicher Schismen ist nicht der Augenblick, die katholische Welt zu spalten, sondern sie auf der Grundlage der Überlieferung der Kirche zu einen. Claudio Pierantoni zeigt in seinen „Reflections on a New Dialogue between Traditionalist and Conservative Catholics“ („Überlegungen zu einem neuen Dialog zwischen traditionalistischen und konservativen Katholiken“) auf, wie viele Dokumente in dem von ihm mit John Lamont herausgegebenen Buch auf das glückliche Zusammentreffen von Vertretern des „katholischen Traditionalismus“ und des „konservativen Katholizismus“ zurückzuführen sind, dessen Reihen er selbst entstammt.

„Möge dieses Buch ein Zeugnis und ein Beispiel für die gemeinsamen Anstrengungen, die in den vergangenen vier Jahren unternommen wurden, und eine Ermutigung für die kommenden Jahre sein.“

Diesen Wunsch von Prof. Pierantoni, in diesen schwierigen Zeiten „eine neue, noch kompaktere orthodoxe Front“ zu bilden, mache ich mir zu eigen. Es ist eine Konvergenz und Synergie verschiedener Initiativen notwendig, die von Geistlichen und Laien kommen, jeder auf seiner Ebene und entsprechend der eigenen Fähigkeiten, um sich dem Chaos zu stellen, das uns bedroht, und uns für den Erfolg des Kampfes Gottes Hilfe anzuvertrauen, ohne die kein Erfolg jemals möglich sein wird. Die beiden soeben veröffentlichten Bücher weisen einen Weg.

Fonte: Katholisches

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