Erzbischof Viganò und der Anarcho-Vakantismus (Teil 2)

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Erzbischof Carlo Maria Viganò hat Papst Franziskus oft als „Untermieter von Santa Marta“ bezeichnet und damit angedeutet, daß er ihn nicht als Stellvertreter Christi anerkennt, dem gegenüber Respekt geboten ist. Doch erst in den letzten Monaten des Jahres 2023 hat er seinen Standpunkt hinreichend deutlich gemacht.

Insbesondere in einer Video-Einspielung bei der Catholic Identity Conference am 1. Oktober 2023, die von den Veranstaltern nicht ausgestrahlt, aber vom Erzbischof veröffentlicht wurde, sprach Msgr. Viganò von einem „Mangel an Zustimmung“, der die Herrschaft von Papst Franziskus ungültig machen würde. Der Mangel an Zustimmung bestehe darin, daß der Papst seine Wahl nach außen hin angenommen habe ohne die Absicht, das Wohl der Kirche zu fördern. Dies zeige sich „in Bergoglios Verhalten, das ostentativ antikatholisch und heterogen in bezug auf das Wesen des Papsttums ist. Es gibt keine seiner Handlungen, die nicht in krassem Widerspruch zur Praxis und zum Lehramt der Kirche steht“. Wer nicht die Absicht hat, das Wohl der Kirche zu fördern, kann kein wahrer Papst sein, auch wenn er materiell den päpstlichen Thron innehat. Jorge Mario Bergoglio hat seine Absichten nie erklärt, aber „welcher Verschwörer, der böswillig ein Amt anstrebt, wäre so unbedacht, denen, die ihn wählen müssen, zu erklären, daß er Papst werden will, um die Befehle der Feinde Gottes und der Kirche auszuführen? (…) Die mens rea [Unrechtsbewußtsein] liegt in der Anwendung von Täuschung, Verstellung, Lüge, Delegitimierung von lästigen Gegnern und der Beseitigung von gefährlichen Gegnern“.

Erzbischof Viganò distanziert sich jedoch von jenen, die glauben, daß der Papststuhl aufgrund der Ungültigkeit des Rücktritts von Benedikt XVI. oder der Ungültigkeit der Wahl von Papst Franziskus derzeit vakant ist. Für ihn ist der Stuhl von einem Usurpator besetzt, der nicht Papst ist, weil er offensichtlich die Absicht hat, der Kirche Böses zu tun.

In einer späteren Erklärung am 9. November sagte Monsignore Viganò: „Inimicus Ecclesiæ, sagte ich in meiner Rede über den Mangel an Zustimmung. Ein Feind, der mit Konsequenz und Vorsatz das genaue Gegenteil von dem tut, was man vom Stellvertreter Christi und Nachfolger des Apostelfürsten erwartet“. Aber „wenn derjenige, der seine Autorität als ‚Papst‘ ausübt, dies gegen die Autorität Christi tut, wie kann er dann als sein Vikar angesehen werden?

Zusammenfassend läßt sich sagen: Monsignore Viganò räumt ein, daß Franziskus materiell den Thron Petri innehat, und bestreitet deshalb, daß er ein Sedisvakantist ist, ist aber gleichzeitig davon überzeugt, daß Franziskus formell kein Papst ist, weil ihm die Absicht fehlt, das Wohl der Kirche zu tun, das die Form, das Wesen des Papsttums ausmacht.

Diese These ist weder neu noch originell, denn sie wurde unter dem Namen Cassiciacum-These mit Bezug auf Paul VI. (1897–1978) und seine Nachfolger von Pater Guérard des Lauriers (1898–1988) ausgearbeitet, einem Dominikanertheologen, der 1969 an der Abfassung der von den Kardinälen Bacci und Ottaviani unterzeichneten Kurzen kritischen Untersuchung des Novus Ordo Missae mitgewirkt hatte. Seine Position wurde in der ersten Ausgabe vom Mai 1979 und in den folgenden Ausgaben der Cahiers de Cassiciacum dargelegt, die von der Association St. Herménégilde in Nizza herausgegeben werden.

Pater Guérard des Lauriers bestritt nicht, daß Paul VI. materiell Papst war, er bestritt, daß er es formell war, das heißt, daß er das Recht hatte, die Kirche zu regieren, weil seine Autorität „nicht den üblichen Zweck hatte, das göttliche Wohl zu verwirklichen“ (Cahiers de Cassiciacum, cit., S. 76). Die Lehramts- und Regierungshandlungen von Kardinal Montini und seinen Nachfolgern wurden daher zumindest seit der Verkündung der Konzilserklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis Humanae vom 7. Dezember 1965, die als im Widerspruch zum vorherigen Lehramt angesehen wurde, jeder Gültigkeit beraubt. 1981 wurde Guérard des Lauriers ohne päpstliches Mandat vom vietnamesischen Erzbischof Pierre Martin Ngo Dinh Thuc (1897–1984) zum Bischof geweiht. Er wurde 1983 exkommuniziert und weihte vor seinem Tod drei weitere Bischöfe. In Italien wurde die Cassiciacum-These 1985 von einer Gruppe angenommen, die die Priesterbruderschaft St. Pius X. verlassen und das Institut Mater Boni Consilii gegründet hatte. Im Blog von Aldo Maria Valli, in einem Beitrag vom 21. Oktober, erklärte der Obere dieses Instituts, Pater Francesco Ricossa, der auch nach vierzig Jahren seine Positionen nicht aufgegeben hat: „Es ist bemerkenswert und lobenswert, daß Monsignore Viganò – obwohl er die These von Pater Guérard des Lauriers nicht zitiert und vielleicht nicht einmal darüber nachgedacht hat – in etwa zu demselben Schluß gekommen ist, das heißt, daß das Hindernis, das Bergoglio daran hindert, der wahre Papst zu sein, nicht so sehr eine ungültige Wahl ist (wie die Sedisvakantisten und auch die Befürworter der Ungültigkeit des Verzichts von Benedikt XVI. meinen), sondern der Mangel an Zustimmung bei der Annahme der Wahl, wie die Befürworter der Cassiciacum-These in Anlehnung an Pater Guérard immer gedacht haben“.

Seit 1979 wurde die Cassiciacum-These von dem französischen Schriftsteller Jean Madiran (1920–2013) wirksam widerlegt. In seinem Artikel „La thèse de Cassiciacum“ in der Zeitschrift Itinéraires vom April 1980 (Nr. 242, S. 78–95) stellte Madiran fest, daß die These von Guérard des Lauriers von der Beobachtung der Gesten Pauls VI. ausging, um durch induktive Schlußfolgerungen darauf zu schließen, daß es ihm allgemein an der Absicht fehlte, das Wohl der Kirche zu erreichen. Aber es fehlten die Fakten, die bewiesen, daß Paul VI. nicht nur viele Male vom Wohl der Kirche abgewichen war, sondern daß es ihm gewohnheitsmäßig an der Absicht fehlte, dieses Wohl zu fördern. „Die frei behauptete Schlußfolgerung ist keine Schlußfolgerung; der angebliche Beweis ist nicht beweiskräftig; die angebliche These ist nur eine Hypothese“ (Madiran: La thèse de Cassiciacum, cit., S. 84).

Heute behauptet Monsignore Viganò mit der gleichen induktiven Argumentation, daß Papst Franziskus von dem Willen bewegt wird, der Kirche Böses und nicht Gutes zu tun. Eine historische Gesamtbeurteilung kann natürlich zu dem Schluß kommen, daß das Pontifikat von Papst Franziskus bisher katastrophal war, aber das Fehlen seiner „gewohnheitsmäßigen Absicht“, das Gute der Kirche zu wollen, kann nicht nur behauptet, sondern muß bewiesen werden. Moralisten unterscheiden zwischen dem äußeren oder objektiven Zweck von Handlungen (finis operis) und der subjektiven Absicht (finis operantis), die sich von dem objektiven Zweck unterscheiden kann: Man kann zum Beispiel Almosen mit einem anderen Zweck geben als dem, den Bedürftigen zu helfen. Nun kann man viele Worte oder Taten von Papst Franziskus isolieren und zeigen, daß sie objektiv nicht auf das Wohl der Seelen ausgerichtet sind. Aber da es andere Handlungen seines Pontifikats gibt, die diese Merkmale nicht aufweisen (z. B. die Ausrufung des Jahres des Heiligen Josef am 8. Dezember 2020), müßte man zeigen, daß die subjektive Absicht von Papst Franziskus auch bei diesen Handlungen darin bestand, der Kirche zu schaden. Aber wie kann Monsignore Viganò beweisen, daß das Ziel, zu dem das Subjekt Franziskus mit seiner Absicht innerlich tendiert, gewohnheitsmäßig darin besteht, „mit Konsequenz und Vorsatz das genaue Gegenteil von dem zu tun, was man vom Stellvertreter Christi und Nachfolger des Apostelfürsten erwartet“? Der Fehler besteht darin, wie es oft geschieht, einer Hypothese den Wert einer These zuzuschreiben. Aber eine gedankliche Verwechslung kann auf der Sachebene ein Faß ohne Boden werden.

Es geht nicht nur um die Auflösung der Sichtbarkeit der Kirche. Es scheint, daß Monsignore Viganò im Untergrund ein Netzwerk des Widerstands gegen den „Inimicus Ecclesiae“ aufbaut, indem er im geheimen eine Vielzahl von Priestern und vielleicht auch einige Bischöfe weiht, die Teil dieses schwer faßbaren Nebels von Clerici vagantes („umherziehenden“ Klerikern) werden, der leider ständig zunimmt, und zwar ohne daß sie einen Beweis für ihre Weihe vorlegen können, zumindest bis sie aus der Verborgenheit hervortreten. In dieser Hinsicht ist das „Netzwerk“ von Monsignore Viganò eine Struktur, die eher als „anarcho-vakantistisch“ denn als sedisvakantistisch bezeichnet werden kann. Ein religiöser Anarcho-Vakantismus, der parallel zu der von Viganò selbst beschworenen „Antiglobalisten-Allianz“ verläuft, um den tiefen Staat und die tiefe Kirche zu bekämpfen. Einige von denen, die seinem Ruf zu den Waffen gefolgt sind, fangen an, ihre Augen zu öffnen, aber der Schaden ist leider schon angerichtet, und wir müssen beten, daß die weise und barmherzige Hand der göttlichen Vorsehung ihn wiedergutmachen wird.

(Ende)