{"id":14540,"date":"2023-02-23T10:19:48","date_gmt":"2023-02-23T08:19:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.robertodemattei.it\/?p=14540"},"modified":"2023-03-09T10:21:03","modified_gmt":"2023-03-09T08:21:03","slug":"historische-ueberlegungen-zum-moskauer-patriarchat-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.robertodemattei.it\/de\/historische-ueberlegungen-zum-moskauer-patriarchat-teil-2\/","title":{"rendered":"Historische \u00dcberlegungen zum Moskauer Patriarchat (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p>In der katholischen Kirche geht der Ursprung der Patriarchate auf das Konzil von Nic\u00e4a (325) zur\u00fcck, das den Bisch\u00f6fen von Alexandria und Antiochien, die dem von Rom unterstellt waren, eine besondere Oberhoheit einr\u00e4umte. Auf dem Konzil von Konstantinopel (381) wurde der Bischof von Konstantinopel und auf dem Konzil von Chalcedon (451) der Bischof von Jerusalem in die Reihe der Patriarchen aufgenommen. Die Entscheidung \u00fcber die Legitimit\u00e4t des Patriarchentitels wurde stets dem Papst zuerkannt, und auch heute noch beh\u00e4lt der\u00a0<em>Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium<\/em>\u00a0der obersten Autorit\u00e4t der Kirche von Rom die Errichtung, Wiederherstellung und \u00c4nderung von Patriarchatskirchen vor (canones 55\u201362).<\/p>\n<p>Das Patriarchat von Konstantinopel, das unter Photius bereits 867 den Papst wegen der Einf\u00fcgung der Formel \u201e<em>filioque<\/em>\u201c in das Glaubensbekenntnis exkommuniziert hatte, zerbrach 1054 mit Michael Kerularios endg\u00fcltig die Einheit mit der Kirche von Rom. Das Schisma wurde 1439 beendet, als der Patriarch von Konstantinopel Joseph II. auf dem Konzil von Florenz mit der Kirche von Byzanz zum r\u00f6mischen Glauben zur\u00fcckkehrte. Seine Nachfolger Metrophanes II. und Gregor III. Mammas blieben der Union mit Rom treu. \u00dcber Athanasius II., den letzten Patriarchen, bevor Konstantinopel 1453 in die H\u00e4nde der T\u00fcrken fiel, ist wenig bekannt, wohl aber, da\u00df Sultan Mehmed II. aus Ha\u00df gegen die katholische Kirche 1454 das schismatische Patriarchat wiederherstellte und Gennadius II. als Oberhaupt der byzantinischen Christen im Osmanischen Reich einsetzte.<\/p>\n<p>Auch in Ru\u00dfland setzten die Moskauer F\u00fcrsten, von Wassili II. bis Iwan IV., der 1547 den Titel eines Zaren annahm, die griechisch-schismatische Religion durch. Nach dem Tod Iwans IV. im Jahr 1584 und dem Aufstieg des Zaren Fjodor I. machte sich dessen Berater Boris Godunow daran, das Prestige des Reiches durch die Errichtung eines Moskauer Patriarchats zu festigen. Der Anla\u00df war die Ankunft des Patriarchen von Konstantinopel, Jeremias II., in Moskau, der um Hilfe gegen die t\u00fcrkischen Unterdr\u00fccker bat. Der Patriarch wurde unter Hausarrest gestellt und ihm mitgeteilt, da\u00df er nur dann freigelassen wird, wenn er Moskau als neuen Patriarchatssitz kirchenrechtlich anerkennt. Im Januar 1589 wurde Jeremias auf einem im Kreml einberufenen lokalen Konzil in Anwesenheit des Zaren und der Bojarenduma gezwungen, Metropolit Jov (Job, Hiob) zum ersten Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus zu ernennen. Pater Stefano Caprio merkt an, da\u00df dieser Akt formal die erste Form der Autokephalie innerhalb der Orthodoxie begr\u00fcndete und ihre ekklesiologische Natur ver\u00e4nderte, von \u00f6kumenisch zu ethnisch. \u201eWenn man bedenkt, da\u00df sich die anderen orthodoxen Kirchen in einem Zustand der Unterwerfung unter die osmanischen T\u00fcrken befanden, kann man verstehen, warum Moskau sich seither nicht einfach als eines von vielen nationalen Patriarchaten betrachtete, sondern als die repr\u00e4sentativste Kirche der gesamten orthodoxen Welt.\u201c\u00a0<a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"https:\/\/katholisches.info\/2023\/02\/23\/historische-ueberlegungen-zum-moskauer-patriarchat-teil-2\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Errichtung des Moskauer Patriarchats war ein eminent politischer Akt in der ideologischen Perspektive eines \u201eDritten Roms\u201c, das das Erbe des byzantinischen C\u00e4saropapismus gegen Rom und die T\u00fcrken antrat. Doch w\u00e4hrend das Patriarchat von Konstantinopel dem Staat untergeordnet war, wurde jenes in Moskau vom Staat selbst geschaffen.<\/p>\n<p>Die Antwort der katholischen Kirche lie\u00df nicht lange auf sich warten. Mit der\u00a0<em>Union von Lublin<\/em>\u00a0hatte 1569 ein riesiger Staat das Licht der Welt erblickt, der das K\u00f6nigreich Polen und das Gro\u00dfherzogtum Litauen vereinte. Die polnisch-litauische Konf\u00f6deration umfa\u00dfte auch Vertreter des orthodoxen Episkopats, die unter dem missionarischen Einflu\u00df der Gegenreformation begonnen hatten, Rom als religi\u00f6sen Bezugspunkt zu betrachten. Sie wurden Ruthenen (von Rus) genannt, weil sie aus den Regionen Wei\u00dfru\u00dfland und Kleinru\u00dfland stammten, die den heutigen Staaten Wei\u00dfru\u00dfland und Ukraine entsprechen.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Hypatios-Pociej.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-127739\" src=\"https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Hypatios-Pociej.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 340px) 100vw, 340px\" srcset=\"https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Hypatios-Pociej.jpg 783w, https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Hypatios-Pociej-230x300.jpg 230w, https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Hypatios-Pociej-768x1003.jpg 768w\" alt=\"\" width=\"340\" height=\"443\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hypatios Pociej, unierter Metropolit von\u00a0Kiew<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Nachdem der griechische Patriarch Jeremias gezwungen worden war, Jov als Patriarch von Moskau anzuerkennen, kehrte er nach Konstantinopel zur\u00fcck, verstie\u00df ihn und weihte im August 1589 Erzbischof Michael Rahoza zum Metropoliten von Kiew, Galizien und der ganzen Rus. 1590 unterzeichnete Rahoza zusammen mit den ruthenischen Bisch\u00f6fen ein Dokument, in dem er die Union mit der katholischen Kirche w\u00fcnschte, unter der Bedingung, da\u00df der byzantinische Ritus und die kanonischen Regeln f\u00fcr Kleriker beibehalten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl verliefen reibungslos. Am 23. Dezember 1595 versammelte Papst Clemens VIII. die in Rom anwesenden Kardin\u00e4le, den gesamten Hof und das diplomatische Corps im Konstantinssaal des Apostolischen Palastes zu einer feierlichen Zeremonie. Die beiden Bisch\u00f6fe\u00a0<em>nationis Russorum seu Ruthenorum<\/em>, Hypatios Pociej und Kyrill Terletsky, die den Metropoliten Rahoza und die anderen ruthenischen Bisch\u00f6fe vertraten, sagten sich vom Schisma los und legten ein \u00f6ffentliches Bekenntnis zum katholischen Glauben nach einer Formel ab, die jene der Konzilien von Nic\u00e4a, Florenz und Trient enthielt. In den Augen des Papstes leuchteten Freudentr\u00e4nen, schreibt der Historiker Ludwig von Pastor.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>\u201eUnser Herz ist heute von Freude erf\u00fcllt, die sich nicht in Worte fassen l\u00e4sst, weil Sie in die Kirche zur\u00fcckgekehrt sind\u201c, sagte der Papst. Wir danken besonders dem unsterblichen Gott, der durch den Heiligen Geist Ihren Verstand so gelenkt hat, da\u00df Sie Ihre Zuflucht in der Heiligen R\u00f6mischen Kirche suchen, der Mutter von Ihnen und allen Gl\u00e4ubigen, die Sie mit Liebe unter ihren Kindern wieder aufnimmt.\u201c\u00a0<a id=\"sdfootnote2anc\" href=\"https:\/\/katholisches.info\/2023\/02\/23\/historische-ueberlegungen-zum-moskauer-patriarchat-teil-2\/#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Gedenkmedaille erinnerte an das wichtige Ereignis, mit dem anderthalb Jahrhunderte nach der Union von Florenz das Band der Einheit zwischen der russischen und der r\u00f6mischen Kirche wiederhergestellt wurde.<\/p>\n<p>Clemens VIII. verk\u00fcndete dies mit der Apostolischen Konstitution\u00a0<em>Magnus Dominus et laudabilis nimis<\/em>\u00a0der gesamten Kirche und erkl\u00e4rte mit dem Apostolischen Schreiben\u00a0<em>Benedictus sit Pastor\u00a0<\/em>vom 7. Februar 1596, da\u00df die Br\u00e4uche und legitimen Riten der ruthenischen Kirche, die bereits auf dem Konzil von Florenz zugelassen worden waren, unangetastet bleiben konnten. Die Union wurde am 16. Oktober 1596 in Brest am Bug offiziell verk\u00fcndet.<a id=\"sdfootnote3anc\" href=\"https:\/\/katholisches.info\/2023\/02\/23\/historische-ueberlegungen-zum-moskauer-patriarchat-teil-2\/#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-127744\" src=\"https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Josaphat-Kunzewitsch-edited.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 340px) 100vw, 340px\" srcset=\"https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Josaphat-Kunzewitsch-edited.jpg 1053w, https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Josaphat-Kunzewitsch-edited-225x300.jpg 225w, https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Josaphat-Kunzewitsch-edited-769x1024.jpg 769w, https:\/\/katholisches.info\/tawato\/uploads\/2023\/02\/Josaphat-Kunzewitsch-edited-768x1023.jpg 768w\" alt=\"\" width=\"340\" height=\"453\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hl. Josaphat Kunzewitsch (1580\u20131623)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Das zwischen der ruthenischen Kirche und dem Heiligen Stuhl unterzeichnete Abkommen war der Beginn der katholischen Kirche des \u00f6stlichen Ritus, zu der heute die ukrainische griechisch-katholische Kirche und die wei\u00dfrussische griechisch-katholische Kirche<a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"https:\/\/katholisches.info\/2023\/02\/23\/historische-ueberlegungen-zum-moskauer-patriarchat-teil-2\/#sdfootnote1sym\"><sup>4<\/sup><\/a>\u00a0geh\u00f6ren. Die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl wurde von vielen P\u00e4psten in Erinnerung gerufen, darunter Pius XII. in seiner Enzyklika\u00a0<em>Orientales omnes<\/em>\u00a0vom 23. Dezember 1945 und Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben vom 12. November 1995 zum vierhundertsten Jahrestag der Union von\u00a0Brest.<\/p>\n<p>Wenige Jahre sp\u00e4ter wurde die R\u00fcckkehr nach Rom mit dem Blut eines M\u00e4rtyrers geweiht. Am 12. November 1623 wurde Josaphat Kunzewitsch, Erzbischof von Polock und Witebsk, von den Schismatikern mit Pfeilen getroffen und mit einer gro\u00dfen Axt erschlagen. Am 29. Juni 1867 sprach ihn Pius IX. im Petersdom in Anwesenheit von etwa 500 Bisch\u00f6fen, Erzbisch\u00f6fen, Metropoliten und Patriarchen der verschiedenen Riten aus aller Welt heilig mit den Worten:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>\u201eSo Gott will, soll dein Blut, o heiliger Josaphat, das du f\u00fcr die Kirche Christi vergossen hast, ein Unterpfand jener Vereinigung mit diesem Heiligen Apostolischen Stuhl sein, nach der du dich immer gesehnt hast und die du Tag und Nacht mit inbr\u00fcnstigem Gebet von Gott, der h\u00f6chsten G\u00fcte und Macht, erfleht hast. Und damit dies endlich in Erf\u00fcllung geht, w\u00fcnschen wir uns von ganzem Herzen, dich als eifrigen F\u00fcrsprecher bei Gott selbst und dem himmlischen Hof zu\u00a0haben.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die sterblichen \u00dcberreste des heiligen Josaphat warten wie die des anderen Glaubensk\u00e4mpfers, Isidor von Kiew, im Petersdom auf die Auferstehung der Toten, wo er im Altar des heiligen Basilius des Gro\u00dfen\u00a0ruht.<\/p>\n<p>(Fortsetzung\u00a0folgt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der katholischen Kirche geht der Ursprung der Patriarchate auf das Konzil von Nic\u00e4a (325) zur\u00fcck, das den Bisch\u00f6fen von Alexandria und Antiochien, die dem von Rom unterstellt waren, eine besondere Oberhoheit einr\u00e4umte. Auf dem Konzil von Konstantinopel (381) wurde der Bischof von Konstantinopel und auf dem Konzil von Chalcedon (451) der Bischof von Jerusalem in die Reihe der Patriarchen aufgenommen. 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