{"id":16470,"date":"2025-01-30T13:01:42","date_gmt":"2025-01-30T11:01:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.robertodemattei.it\/?p=16470"},"modified":"2025-02-12T13:02:35","modified_gmt":"2025-02-12T11:02:35","slug":"das-heilige-jahr-und-die-ablaesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.robertodemattei.it\/de\/das-heilige-jahr-und-die-ablaesse\/","title":{"rendered":"Das Heilige Jahr und die Abl\u00e4sse"},"content":{"rendered":"<p>Vom Sonnenuntergang bis Mitternacht des 1. Januar des Jahres 1300 str\u00f6mten Scharen von R\u00f6mern zur Konstantinischen Basilika von St. Peter. Es hatte sich herumgesprochen, da\u00df ein Besuch am Petrusgrab ihnen den Erla\u00df ihrer S\u00fcndenstrafen einbrachte. Papst Bonifatius VIII., Benedetto Caetani, der die Kirche seit f\u00fcnf Jahren regierte und ein gro\u00dfer Rechtsexperte war, lie\u00df die p\u00e4pstlichen Archive und die Bibliothek nach Best\u00e4tigungen f\u00fcr diesen Glauben durchsuchen. Unter den wichtigsten Dokumenten seiner Vorg\u00e4nger, die den Strafnachla\u00df betrafen, fand er eines, das Urban II. in Clermont (1095) erlassen hatte. Um die Christen zum ersten Kreuzzug zu bewegen, hatte er die Teilnahme an diesem mit einem vollst\u00e4ndigen Straferla\u00df gleichgesetzt. Daraufhin berief Bonifatius das Kardinalskollegium zu einem feierlichen Konsistorium ein und beschlo\u00df, eine Bulle mit dem Titel\u00a0<em>Antiquorum habet fida relatio<\/em>\u00a0(\u201e<em>Von den Alten haben wir sichere Nachrichten<\/em>\u201c) zu erlassen, in der er den alten Brauch best\u00e4tigte und offiziell das erste Heilige Jahr der christlichen \u00c4ra verk\u00fcndete. Den Kopien der Dokumente, die in die ganze katholische Welt verschickt wurden, wurden drei Verse beigef\u00fcgt:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>\u201eDas Hundertjahr ist in Rom immer ein Jubeljahr.<\/em><br \/>\n<em>Eure Schuld ist getilgt, denen, die bereuen, wird vergeben.<\/em><br \/>\n<em>Dies hat Bonifatius erkl\u00e4rt und best\u00e4tigt\u201c.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit die Bulle f\u00fcr immer in Erinnerung bleibt, lie\u00df Bonifatius die Jubil\u00e4umsbulle in eine Marmorplatte eingravieren, die im Atrium der altehrw\u00fcrdigen Konstantinischen Basilika angebracht wurde. Mit der darauf folgenden Bulle\u00a0<em>Nuper per alias<\/em>\u00a0wurde am 22. Februar 1300, dem Fest der Kathedra Petri, den Pilgern, die nach Rom kamen, ein Plenissima-Abla\u00df gew\u00e4hrt, d. h. ein Abla\u00df, der so weitreichend war, da\u00df er alle Schuld und Strafe f\u00fcr begangene S\u00fcnden tilgte. Jeder Pilger, der seine S\u00fcnden bereut und gebeichtet hat und w\u00e4hrend des Heiligen Jahres nach Rom reist, um die Heiligen Petrus und Paulus durch den Besuch ihrer Basiliken zu verehren, kann in den Genu\u00df dieses Ablasses kommen. Mit diesem Akt bekr\u00e4ftigte der Papst seine\u00a0<em>plenitudo potestatis<\/em>, die h\u00f6chste Macht, die Gnadensch\u00e4tze, deren Verwalter die heilige r\u00f6mische Kirche ist, \u00fcber die Gl\u00e4ubigen auszugie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wir verf\u00fcgen \u00fcber die detaillierten Berichte des Kardinaldiakons von San Giorgio in Velabro Jacopo Stefaneschi, Autor eines Werkes mit dem Titel\u00a0<em>De centesimo seu Jubileo anno liber<\/em>, das zu Beginn des 14. Jahrhunderts geschrieben wurde, sowie die des gro\u00dfen Florentiner Chronisten Giovanni Villani und vieler anderer. Sie alle berichten in ihren Schriften, da\u00df zu Beginn des Jahres 1300 wahre Menschenmassen in die Stra\u00dfen Roms str\u00f6mten, zun\u00e4chst aus der Stadt und dann aus fernen L\u00e4ndern des Abend- und des Morgenlandes. Im achtzehnten Gesang der H\u00f6lle (22\u201343) beschreibt Dante, wie die Stadtverwaltung auf der Engelsbr\u00fccke, dem obligatorischen Durchgang zum Petersdom, eine Art wechselseitige Einbahnstra\u00dfe eingerichtet hatte, um einen geordneten Pilgerflu\u00df zu erm\u00f6glichen, w\u00e4hrend Gruppen von W\u00e4chtern dar\u00fcber wachten, da\u00df der Verkehr ohne Unf\u00e4lle oder St\u00f6rungen ablief. Villani zufolge hielten sich im Jahr 1300, die st\u00e4ndig in der Stadt ans\u00e4ssigen R\u00f6mer abgezogen, t\u00e4glich zweihunderttausend Pilger in der Stadt auf, die sogenannten\u00a0<em>Romei<a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"https:\/\/katholisches.info\/2025\/01\/30\/das-heilige-jahr-und-die-ablaesse\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/em>. Die meisten von ihnen machten sich auf eine beschwerliche und oft gef\u00e4hrliche\u00a0Reise.<\/p>\n<p>Was trieb diese Pilger an, die, als sie in Sichtweite der Ewigen Stadt ankamen, voll Begeisterung den Hymnus\u00a0<em>O Roma nobilis<\/em>\u00a0anstimmten? Im Bu\u00dfgericht der Beichte waren ihnen bereits ihre S\u00fcnden vergeben worden, aber sie waren sich bewu\u00dft, da\u00df sie entweder in diesem oder im n\u00e4chsten Leben f\u00fcr die Strafen b\u00fc\u00dfen mu\u00dften, die sie durch die Beleidigung Gottes verdient hatten. Die Heilige Schrift erinnert uns daran, da\u00df nichts Unreines ins Paradies gelangen kann (Offb 21,27). Der Ort, an dem sie f\u00fcr ihre Strafen b\u00fc\u00dfen sollten, war das Fegefeuer (Purgatorium), das Dante in der zweiten\u00a0<em>Cantica<\/em>\u00a0der\u00a0<em>G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die<\/em>\u00a0als den Gipfel eines Berges auf der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re beschreibt, der sich an den Antipoden Jerusalems befindet, der aber nach der vorherrschenden Meinung der Theologen im Innern der Erde, in der N\u00e4he der H\u00f6lle liegt. Das p\u00e4pstliche Jubeljahr bot ihnen eine au\u00dferordentliche Gelegenheit, die zeitlichen Strafen zu verk\u00fcrzen, die sie f\u00fcr ihre S\u00fcnden schuldeten. Von da an w\u00fcrde die Kirche in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden, zun\u00e4chst alle hundert Jahre, dann alle f\u00fcnfundzwanzig Jahre, ihre Macht zur S\u00fcndenvergebung zum Wohle der Gl\u00e4ubigen aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Wir wissen, da\u00df Dante Bonifatius VIII. verabscheute, den er f\u00fcr einen der Hauptverantwortlichen f\u00fcr den moralischen und geistigen Verfall der Kirche hielt. Im 19. Gesang der H\u00f6lle, der denjenigen vorbehalten ist, die sich der Simonie schuldig gemacht haben, trifft der Dichter auf Papst Nikolaus III., Giovanni Gaetano Orsini, der Bonifatius VIII. die baldige Ankunft im H\u00f6llenfeuer prophezeit und ihn beschuldigt, die Kirche Christi durch seine Verderbtheit zerrissen zu haben (H\u00f6lle, XIX, 52\u201357). Kirchenhistoriker halten Dantes Urteil f\u00fcr ungerecht, weisen aber darauf hin, da\u00df er trotz seiner radikalen Abneigung gegen Bonifatius VIII. dessen Macht zur Leitung der Kirche nicht anzweifelt. Dante tritt damit in die Fu\u00dfstapfen des heiligen Pier Damiani, der Simonie zwar mit H\u00e4resie gleichsetzt, aber erkl\u00e4rt, da\u00df simonistische Priester trotz ihrer moralischen Unw\u00fcrdigkeit und ihrer h\u00e4retischen Positionen dennoch die Sakramente und die Gerichtsbarkeit g\u00fcltig aus\u00fcben (<em>Liber qui dicitur gratissimus<\/em>, PL, 145, 100\u2013159).<\/p>\n<p>Im\u00a0<em>Purgatorium<\/em>\u00a0(II, 94\u201399) erkl\u00e4rt der in Florenz ber\u00fchmte Musiker Casella, ein Freund Dantes, da\u00df er das Fegefeuer nur langsam verlassen konnte, weil sich dank des Heiligen Jahres von Bonifatius VIII. so viele Seelen vor den Toren des Paradieses angesammelt hatten. Die Befugnis, Abl\u00e4sse zu gew\u00e4hren, ist in der Tat eine der h\u00f6chsten Befugnisse, die dem Stellvertreter Christi vorbehalten sind, gem\u00e4\u00df den Worten Christi an den Heiligen Petrus: \u201e<em>Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden l\u00f6sen wirst, wird auch im Himmel gel\u00f6st sein<\/em>\u201c (Mt 16,19). Diese kraftvollen Worte, die die Autorit\u00e4t zur Leitung der Kirche bezeichnen, enthalten die Macht, die S\u00fcnden nicht nur hinsichtlich der Schuld durch das Bu\u00dfsakrament zu vergeben, sondern auch hinsichtlich der zeitlichen Strafe, die mit ihnen verbunden ist. Man kann weder den Wert der Verdienste Jesu, der Gottesmutter Maria und der Heiligen, die den Schatz bilden, noch die Vollmacht der Kirche, sie zu verteilen, anzweifeln. Aus diesem Grund hat das Konzil von Trient in seinem ber\u00fchmten Dekret\u00a0<em>De indulgentiis<\/em>\u00a0\u201e<em>all jene verurteilt, die den Abla\u00df als nutzlos bezeichnen oder der Kirche die Befugnis absprechen, ihn zu gew\u00e4hren\u201c<\/em>. Er f\u00fcgt jedoch hinzu, da\u00df \u201e<em>es notwendig ist, ihn mit gro\u00dfer M\u00e4\u00dfigung zu gew\u00e4hren, damit nicht eine zu gro\u00dfe Leichtigkeit bei der Gew\u00e4hrung die kirchliche Disziplin schw\u00e4cht<\/em>\u201c (Sess. XXV, Kap.\u00a0XXI).<\/p>\n<p>In der Tat darf man nicht glauben, da\u00df der Abla\u00df die Gl\u00e4ubigen von der Bu\u00dfe befreit. Die Kirche hat bei der Gew\u00e4hrung von Abl\u00e4ssen die Vergebung der S\u00fcnden im Blick, soweit dies der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit entspricht, aber sie will uns nicht von den Schmerzen und Leiden befreien, die notwendig sind, um schlechte Gewohnheiten zu \u00fcberwinden und ein christliches Leben zu f\u00fchren. Der Abla\u00df, selbst der vollkommene Abla\u00df, entbindet also nicht von den irdischen Schmerzen, die die g\u00f6ttliche Vorsehung den Menschen als eine Form der Korrektur und L\u00e4uterung vorbeh\u00e4lt. So starb Davids Sohn, obwohl der K\u00f6nig nach den begangenen S\u00fcnden fastete und f\u00fcr die Bewahrung des Lebens des jungen Mannes betete (2 Sam 12,16\u201318): Gott wollte anstelle der Strafe, die, wie der heilige Augustinus sagt, David zur Pr\u00fcfung und Zurechtweisung auferlegt worden war, kein anderes zufriedenstellendes Werk annehmen.<\/p>\n<p>Die Abl\u00e4sse sichern uns also nicht ein Leben ohne Kreuz, sondern helfen uns, es zu tragen. Um einen vollkommenen Abla\u00df zu erlangen, ist es andererseits notwendig, nicht die geringste Neigung zur S\u00fcnde zu haben und von einem wahren Geist der Bu\u00dfe beherrscht zu werden. Das ist nicht leicht, aber der vollkommene Abla\u00df des Jubil\u00e4ums ist auch ein starker Ansporn, die Liebe zu Gott und den Ha\u00df auf die S\u00fcnde zu entwickeln, die die notwendige Voraussetzung daf\u00fcr sind, ihn zu erlangen. Deshalb gehen wir auf den Knien durch die Heilige Pforte, k\u00fcssen sie und sprechen ein\u00a0Gebet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Sonnenuntergang bis Mitternacht des 1. Januar des Jahres 1300 str\u00f6mten Scharen von R\u00f6mern zur Konstantinischen Basilika von St. Peter. Es hatte sich herumgesprochen, da\u00df ein Besuch am Petrusgrab ihnen den Erla\u00df ihrer S\u00fcndenstrafen einbrachte. Papst Bonifatius VIII., Benedetto Caetani, der die Kirche seit f\u00fcnf Jahren regierte und ein gro\u00dfer Rechtsexperte war, lie\u00df die p\u00e4pstlichen Archive und die Bibliothek nach Best\u00e4tigungen f\u00fcr diesen Glauben durchsuchen. 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